Richard Wagners-Clan als Panoptikum künstlerischer und menschlicher Tragödien

Sonntag Abend zur besten Prime-Time im öffentlich-rechtlichen Fernsehen standen zwei Filme zur Auswahl. Einer davon war „Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte“. Dieser Film musste keine „Tatort“-Konkurrenz fürchten. Er lief außer Konkurrenz. Schon die Eröffnungsmusik von Johannes Kobilke lässt einen Thriller vermuten. Der Film beginnt mit einem Paukenschlag.

Nach dem plötzlichen Tod Richard Wagners übernimmt Cosima Wagner das Familienkommando und baut das musikalische Erbe Richard Wagners zum kulturellen Konzern auf. Seine Musik ist ihr Kapital, und er wird zum Mythos.

„Wenn jemand kein Vermögen oder Titel hat, braucht Talent“, meint sie. Und sie hat das Talent. Zum Regieren. „Eine moderne Konzern-Chefin“, nennt sie Gero von Boehm. Sehr intensiv und vorbehaltlos wird Cosima Wagner von Iris Berben gespielt. Eine starke Frau, entschlossen, tapfer und unbeugsam. Die Rolle ist Iris Berben wie auf den Leib geschrieben.

Und selbst, wenn die Figuren den Namen Wagner tragen, drängt sich unweigerlich eine Analogie zu einer anderen weltbekannten „schrecklich netten Familie“ auf, nämlich der die Kennedys. Die eigenen Kinder müssen sich einer Idee unterordnen, werden instrumentalisiert oder aus dem Familienbund entfernt, wenn sie das Konzept in Gefahr bringen. In beiden Familien war das oberste Gebot, sei es die politische oder die kulturelle Stellung mit aller Macht und Unbarmherzigkeit voranzutreiben. Die Auswirkungen solcher Familienpolitik dauern mit allen dazugehörigen Tragödien bis in die heutige Zeit an.

Isolde Wagner (Petra Schmidt-Schaller) wurde „entwagnert“, weil sie wagte, Ansprüche auf das musikalische Erbe des Vaters zu stellen. Als Alleinerbe dessen wurde von Cosima aber Siegfried (Lars Eidinger) vorbestimmt. Mit seiner homosexuellen Neigung passt er nicht so recht ins Bild. Er erlebt eine stürmische Liebe zu Dorian (Vladimir Burlakov), die tragisch endet. Die Liebesszenen zwischen den beiden Männern sind mit leichter weiblicher (Regie: Christiane Balthasar) Hand zart und nuanciert inszeniert.

Dass er sich nicht für Frauen interessiert, muss auch im Sinne des Familienunternehmens gelöst werden. Siegfried, der sich doch bekehrt, übernimmt den Dirigierstab zum Wohle des Konzerns und heiratet Winifred Klindworth (Katharina Haudum).

Dem Filmprojekt stand Gero von Boehm Pate, der auch das Drehbuch zusammen mit Kai Hafemeister mitentwickelt hat, und neben Oliver Berben als Produzent fungiert. Den Film als TV-Produktion zu realisieren, lag der Gedanke zugrunde, möglichst großes Publikum zu erreichen. Der Film besticht geradezu durch hochkarätige Besetzung, exzellente Regieführung, wunderbare ästhetische Bilder und gelungenes Drehbuch.

Gemeinsam mit seinem Sohn Felix produzierte er auch die Dokumentation zum Film. Fundiert recherchiert thematisiert sie explizit die Verstrickung und Nähe der Familie Wagner zum Nationalsozialismus. Das zitierte Archivmaterial lässt daran keine Zweifel. In einem Interview aus den 70er Jahren gibt sich Winifred Wagner arglos und unschuldig. Es ging doch immer um die Kunst und Musik.

Winifred Wagner wurde zu Adolf Hitlers bester Freundin. Die Freundschaft begann bereits 1923. Was für Glück für sie, dass Hitler Liebhaber Richard Wagners Musik war. „Ab 1933 profitieren die Bayreuther Festspiele massiv, von höchster Stelle protegiert zu werden“, heißt es in der Dokumentation. Hitlers Profiteure im und um den Tempel der Opernwelt.

Die Wurzeln lagen schon in den Schriften des Meisters selbst. „Das Beste und Edelste komme nur von den Ariern“, meinte Richard Wagner in „Das Judentum in der Musik“. Der antisemitische Gedanke wurde von Houston Chamberlain, gespielt von Heino Ferch, weitergetragen, der in die Familie Wagner eingeheiratet hatte. Cosima Wagner war von dem Rassentheoretiker fasziniert. Warum verehrte Cosima Chamberlain? Sie, das kosmopolitische Kind? „Jetzt bin ich deutsch, ich habe einen Deutschen geheiratet“, erklärt sie. Die rassistische Weltanschauung war auch die ihre.

von Ewa Blauth

Der Wagner-Clan. Eine Familiengeschichte - ZDF.de

Eventfilm

Sonntag, 23. Februar 2014, 20.15 Uhr

Eine Koproduktion des ZDF mit MOOVIE - the art of entertainment in Zusammenarbeit mit dem ORF und in Koproduktion mit Lupa Film, Mona Film Produktion und Beta Film. Gefördert durch den Fernsehfonds Austria, den FilmFernsehFonds Bayern und Filmförderung des Landes Oberösterreich mit Unterstützung der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.